*1923. Seit seinen wissenschaftlichen Anfängen hat sich der Ernst Nolte stets für das Verwirrende der Geschichte und für die »andere Seite« der großen ideologisch-politischen Bewegungen seiner Zeit interessiert. So auch in seinem neuen Werk, in dem er nach dem »rationalen Kern« des Islamismus fragt und dessen »Verteidigungsaggressivität« neben die zuvor thematisierten »Widerstandsbewegungen« Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus stellt. Schon in seinem ersten Buch »Der Faschismus in seiner Epoche« von 1963 hat Nolte den »praktischen und gewalttätigen Widerstand gegen die Transzendenz« untersucht, soll heißen, den Widerstand gegen jene Globalisierung, die den Menschen aus seinen gewohnten und engen Verhältnissen herausstößt und aus einem partikularen zu einem tendenziell universalen Wesen macht, das sich schließlich zum Weltbürger in einer gemeinsamen Weltzivilisation entwickeln soll. Und nun das Buch, das der Autor selbst als »Abschluss seines Lebenswerks« versteht: Hier wird der Islamismus in zweierlei Weise, ereignis- und ideologiegeschichtlich, auf seine Motive des Widerstandes befragt – nicht im Interesse einer Rechtfertigung, sondern, um die geistig-politischen Spannungen unserer Zeit besser zu verstehen. Nolte macht dabei zugleich das eigentümlich doppelte Antlitz des Zionismus deutlich, der als nationale Befreiungsbewegung einerseits und als Spätfolge des europäischen Kolonialismus andererseits einen »westlichen« und subjektiv provozierend wirkenden Vorposten im traditionsbewussten arabischen Raum bildet. Seit den heftigen Diskussionen um Ernst Nolte, die der Historikerstreit 1986/87 ausgelöst hat, hat man meistens übersehen, dass zu Noltes Intentionen ein feiner Sinn für materielle Gerechtigkeit und eine tiefe Skepsis gegen die fortschrittsbedingte Entfremdung gehört. Diese Motive sind von seiner Einfühlung in die von ihm thematisierten ideologischen Phänomene des 20. und nun auch des frühen 21. Jahrhunderts nicht zu trennen, was die Grausamkeiten und Verbrechen, die man eben diesen Ideologien, dem »Widerstand gegen die Transzendenz«, gleichzeitig zuschreiben muss, keineswegs schmälert – wie Nolte stets betont.
»So naheliegend und berechtigt die Empörung über die Aufrufe zu Terror und Meuchelmord sind, so fehlt es in der westlichen Literatur doch keineswegs an Verständnis für die Selbstverteidigung der Schwachen, die keinen anderen Weg als Terror und Gewalt sehen, wenn sie ihre Identität gegen die auflösenden Tendenzen der Moderne behaupten wollen.«
(Ernst Nolte, Die dritte radikale Widerstandsbewegung: der Islamismus)
Zeittafel Ernst Nolte
ERNST NOLTE wird 1923 in Witten (Ruhr) geboren. Wegen eines Körperfehlers an der linken Hand nicht zum Militärdienst einberufen, studiert Nolte Anglistik und Germanistik, später auch Griechisch und bei Martin Heidegger Philosophie. Nach dem Notexamen 1945 wird er Studienassessor in Neuss. 1953 promoviert er bei Eugen Fink über »Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx«. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bad Godesberg erscheint 1963 Noltes erstes Buch »Der Faschismus in seiner Epoche« – national und international ein großer Erfolg. Das Buch wird 1964 von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln als Habilitationsschrift angenommen und 1965 wird Nolte Professor für Neuere Geschichte in Marburg. Von 1973 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1991 lehrt er an der Freien Universität Berlin. 1983 erscheint »Marxismus und Industrielle Revolution«. 1986 bricht infolge einer in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« publizierten und ursprünglich für die »Römerberggespräche« bestimmten Rede mit dem Titel »Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die Geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte«, der sogenannte Historikerstreit über den »kausalen Nexus« zwischen dem russischen Bolschewismus und dem Hitlerschen Nationalsozialismus aus. Von Jürgen Habermas geführt, erringen die Kritiker – unter dem Gesichtspunkt der Quantität – einen unbestreitbaren Erfolg. Nolte wird geächtet, wenngleich er noch bis 1994 in der »FAZ« publizieren und bis heute Bücher veröffentlichen kann. Mehrere seiner Lehrveranstaltungen werden gesprengt, 1988 wird sein Auto in Brand gesetzt, er selbst wird mit Reizgas angegriffen. Ende der achtziger Jahre verlagert sich Noltes Publikations- und Vortragstätigkeit nach Frankreich und Italien. 1998 erscheint bei Piper das Hauptwerk seines Geschichtsdenkens, »Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?« Nach dem Buch »Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus« erscheinen 2011 im Landt Verlag Ernst Noltes »Italienische Schriften« – eine Dokumentation seines publizistischen Exils.
Nolte, Ernst
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